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Gila Stolzenfuß


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Malerei repräsentieren

Gila Stolzenfuß baut ihre Bilder in Schichten auf und arbeitet meist gleichzeitig an mehreren Bildern. Ein Zeitraum fügt sich zusammen, der einzig aus Malerei besteht. Der Gebrauch der Acrylfarbe verbindet Wasser und Farbe, Transparenz und Opazität. Die Bilder sind daher visuelle und zugleich materielle Erscheinungen. Hell ist auch Weiß, Dunkel auch Schwarz. Fast jede Buntfarbe ist gebrochen durch Weiß. Schwarz tritt in den Rändern, aber auch in der Mitte nicht neutral auf, sondern als Farbe. Und die Arbeit geht hin und her zwischen der Vertiefung auf einer Leinwand und der Ausbreitung über mehrere.

Alle Farben gehen aus erkennbaren, aber breiten und ruhigen Pinselzügen hervor. Viele Bilder sind von einem horizontalen Zug beherrscht, in dem sich mehrere Bahnen über- und untereinander bewegen. Andere Bilder behaupten vor allem eine ruhige Mitte, ein Feld, gerahmt von konzentrischen Rändern. Mitte und Peripherie sind dabei mehr oder weniger deckend gemalt. In den horizontal organisierten Bildern dagegen scheinen die darunterliegenden Farbbahnen durch den letzten Auftrag durch. Was vorher war, schimmert so aus der Tiefe hervor oder bleibt stehen am Rand. Und die früheren Stadien liegen bis zu zehn Jahre zurück. Dieser Zeitraum erschließt sich nicht archäologisch, sondern als eine Gegenwart, die Verdichtung ist und zugleich Erweiterung. Gegenwart ist die Malerei als die Handlung, die Farbmaterie nebeneinander und übereinander zum Leuchten zu bringen.

Gegenwart ist die Malerei aber auch von ihrer Grenze her. In den Bildern von Gila Stolzenfuß ist diese Grenze zum einen weich formuliert. Der abschließende Zug der Malerei bleibt entweder vor der Bildkante stehen oder berührt diese nur. Oder die Peripherie selbst wird ungerade und wiederholt formuliert. Das Feld der Malerei selbst scheint mit Geometrie nicht zu fassen. Aber die Bilder als Körper ziehen die Grenze doch hart. Anders als die Arbeit von Beuys ist diese Arbeit auch ohne Zeichnungen lesbar. Anders als Gerhard Merz oder Günther Förg sieht Gila Stolzenfuß davon ab, ihre Malerei zur Wandmalerei werden zu lassen. Diese Malerei geschieht auf der Leinwand, und sie endet da, wo die Leinwand aufhört.

Man kann diese Form klassisch nennen. Ich möchte sie vor allem repräsentativ nennen. In Die Verklärung des Gewöhnlichen setzt Arthur C. Danto Malerei und Repräsentation gegeneinander. Wenn die Leinwand je eine Arena war, in der die Malerei kämpfen musste, dann sei dieser Kampf in den Brushstrokes von Roy Lichtenstein verloren gegangen. Gewonnen habe die Repräsentation. Die Brushstrokes seien nicht die Pinselstriche, sondern sie stellten sie dar, sie repräsentierten sie nur. Aber Lichtensteins Brushstrokes gehen nicht nur auf Malerinnen und Maler zurück, sondern auf Comics. Comics sind auf ihre Weise vital. Und die Repräsentation ist sogar auf neue Weise vital, wenn die Präsenz, die Gegenwart in ihr wieder erscheint. Was spricht dagegen, Malerei zu repräsentieren? Der Tag ist nicht fern, an dem die Bilder von Gila Stolzenfuß neu aussehen.

Berthold Reiß